Marathon-Gedanken 2015

 

Geplant war alles ganz anders.

Weil mein Lebensgefährte gern den Rothaarsteigmarathon absolvieren wollte, hatte ich mich auch für diesen Lauf angemeldet. Schließlich ist die gemeinsame Freizeitgestaltung einfacher, wenn man das gleiche Saisonziel hat. 

Doch bereits in der Vorbereitung schieden sich die Geister: Während er mir freudestrahlend von seinen langen Trainingseinheiten berichtete, verlor ich zunehmend die Lust an der Marathonvorbereitung und war froh, wenn wieder ein langer Lauf absolviert war und der nächste in weiter Ferne lag.

Warum mache ich das eigentlich, wenn ich keinen Spaß dabei empfinde und der Marathontag nicht herbei gesehnt wird, sondern er ein Tag ist, den ich liebend gern aus dem Kalender streichen würde?

Kann es das Richtige sein, wochenlang zu trainieren, an Tag X mehrere Stunden zu laufen und die Zufriedenheit daran zu messen, ob eine mehr oder weniger willkürlich festgelegte Zielzeit erreicht wurde? 

 

Ich musste mir eingestehen, dass der Marathon für mich aktuell seinen Reiz verloren hat.

Klar wurde mir das spätestens an dem Tag, an dem ich mich dazu entscheiden musste, den Rothaarsteig sausen zu lassen, weil mich ein Infekt aus der Bahn und aus dem Training geworfen hatte.

Ehrlich gesagt war ich richtig froh über diesen Infekt, denn nun musste ich den Marathon nicht laufen. 

 

Was will ich künftig tun?

Es gibt keine weiteren Marathons, die mich aufgrund der Streckenführung reizen - ein Halbmarathon reicht auch aus, um eine tolle Stadt zu erkunden.

Eine Zeitverbesserung anstreben? Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, und halte es nicht für erstrebenswert, eine neue Marathonbestzeit in´s Auge zu fassen.

 

So manches Mal habe ich neidvoll auf die Sportler geschaut, die im hinteren Läuferfeld die Ziellinie überqueren. Die gelaufene Zeit scheint zweitrangig zu sein, der Genuss von Landschaft und Gemeinschaft beim Laufen viel wichtiger.

Momentan ist es das, was ich will: Nicht an die Grenzen gehen, sondern laufend die Umgebung aufsaugen. Auch mal inne- und sogar anhalten dürfen, tief durchatmen und den Flow spüren. An der Getränkestation stehen bleiben und die Erfrischung genießen anstatt sie eilig hinunter- und zu verschütten.

Oder vielleicht auch mal über ein paar Jahre hinweg ganz auf Marathonläufe verzichten, damit der Marathon wieder etwas Reizvolles wird. 

 

Als vorläufigen Abschied vom Marathon bot es sich an, nicht in die Ferne zu schweifen, sondern quasi vor der Haustür, am Twistesee, zu laufen. Marathons bin ich bereits in Budapest, Wien oder sonstwo gelaufen, nur noch nicht im Waldecker Land. 

 

Nach dem Infekt wurde der Trainingsplan wieder aufgenommen - und bereitete mir plötzlich Spaß. Die Vorfreude auf den Marathontag war da; die Erleichterung über meine Entscheidung, nicht mehr Marathon laufen zu MÜSSEN sondern es für einige Zeit sein zu lassen, beflügelte mich. 

 

Der Adventsmarathon bereitete mir viel Freude: Ich genoss die Sonnenstrahlen, von denen ich im November ohnehin viel zu wenig mitbekommen hatte, ließ Läufer und Zeit an mir vorbei eilen, pausierte an den Getränkeständen, erörterte mit zwei Marathonsammlern das Für und Wider von Ultraläufen - und erreichte freudestrahlend und glücklich nach 3:50:29 Stunden das Ziel.

5. Frau und Altersklassensiegerin in der AK W35.

 

Gewiss werde ich noch weitere Marathons absolvieren, aber wann das sein wird, steht in den Sternen. Nun habe ich erstmal andere Herausforderungen im Kopf. Tango Argentino lernen zum Beispiel....