Marokko, Teil 1:

Ein Mittwochmorgen im Januar; 6:15 Uhr.

In Deutschland dürften es nun -8 Grad kalt sein - ich stehe hier bei ungewohnt milden 8 Grad (Plusgrade!) in Agadir und starte in den Urlaub - mit einem Morgenlauf am Atlantik.

Leider ist weder von Agadir noch vom Atlantik viel zu sehen, denn es ist stockfinster, und die Hafenstadt erwacht erst langsam. An der beleuchteten Strandpromenade geht es einige Kilometer immer geradeaus bis zum Yachthafen.

Ich genieße Ruhe und leichten Atlanktikwind, und kann mir kaum vorstellen, welcher Trubel hier noch vor wenigen Stunden herrschte. Ausgelassene Stimmung, arabische Gesänge, Nachtclubs, die um Gäste werben. Davon ist nichts mehr zu spüren.

Der Weg führt uns einen Hügel hinauf, von dem ich den Blick auf die beleuchtete Stadt im Süden Marokkos genieße.

Von den Moscheen hört man bereits die Rufe der Muezzin, die die Gläubigen zum Gebet und unsere kleine Laufgruppe zur Rückkehr zum Hotel mahnen...

 

Marokko, Teil 2:

Inzwischen haben wir mit dem Bus mehrere hundert Kilometer in Marokko hinter uns gebracht und sind im Atlasgebirge angekommen. Dort, auf einem Hochtableau zwischen Hohem Atlas und Antiatlas, starten wir unseren heutigen Lauf. Mit unserer kleinen Laufgruppe geht es bei wolkenlosem Himmel, leichtem Wind und schätzungsweise 20 Grad zu einem Traillauf in eine Steinwüste.

Auf 1.600 Metern Höhe laufen wir immer geradeaus und genießen den Blick auf die Gebirgskette des Antiatlas. Wir laufen und laufen, kommen den Bergen jedoch scheinbar keinen Meter näher. Wir begegnen einem Nomaden, der nach einem Weideplatz für seine Ziegen und Schafe sucht, streunenden Hunden, die uns aus der Ferne grüßen, und ansonsten... nichts und niemandem.

Auf dem Rückweg in die Oasenstadt Boumalne du Dadès sind die schneebedeckten Gipfel des Hohen Atlas zu sehen. Ein unglaublich beeindruckender Anblick.

Nun geht es quer durch den Ort, am Flussufer entlang. Hier bietet uns die Laufstrecke herrliches Trailrunning auf schmalen Pfaden, mal ist ein Graben oder auch ein Flusslauf zu überspringen. Immer wieder tauchen wie aus dem Nichts einige Bewohner des Ortes, vornehmlich Berber, am Wegesrand auf und feuern unsere kleine Laufgruppe mit Bravo-Rufen oder einem freundlichen „Bonjour, ca va?“ an; Kinder begleiten uns und begeistern uns mit einem fröhlichen Lachen, wie ich es selten in Deutschland erlebt habe. Für sie, die in einem noch recht ursprünglichen Teil Marokkos leben, sind die hellhäutigen Läufer, noch dazu die weiblichen in kurzen Hosen, DIE Attraktion schlechthin. Und auch hier klingen uns zum Ende des Laufes die Rufe der Muezzin in den Ohren....


Marokko, Teil 3 - Freundschaftslauf in Marrakesch

Heute waren wir in Marrakesch beim „Course de Bienvenue“, dem „Willkommenslauf“ am Start - ein Freundschaftslauf ohne Zeitmessung. Die Strecke mit Start an einer der belebtesten Straßen von Marrakeschs Neustadt war wenig spektakulär, allerdings verriet der Lauf einiges über die marokkanische Mentalität.

Ausgeschrieben war der Lauf über eine Distanz von vier Kilometern - allerdings könnte er auch etwas länger oder etwas kürzer sein - näheres war nicht in Erfahrung zu bringen. Der nordafrikanische Läufer sieht so etwas ganz entspannt - und auch die Tatsache, dass zur vorgesehenen Startzeit noch nicht mal die Strecke abgesperrt war, ließ keine Unruhe aufkommen.

Um uns herum viele lachende Gesichter aus unterschiedlichen Nationen, marokkanische Trommelmusik - die Stimmung war ausgelassen und erreichte ihren Höhepunkt, als einige Läufer aus unserer Gruppe den Karnevalshit „Viva Colonia“ anstimmten. Mit knapp 20minütiger Verspätung fiel der Startschuss, und die fröhliche Menge setzte sich in Bewegung.

Letztendlich betrug die Streckenlänge übrigens lediglich drei Kilometer, auf denen die Läufer von den zahlreichen Streckenposten und Passanten kräftig angefeuert wurden.
Eine offizielle Zeitmessung erfolgte nicht - nach ca. 13:15 Minuten war ich wieder im Ziel und wurde dort herzlich als „La deuxième desmoiselles“, also als zweite Frau, empfangen.


Marokko, Teil 4 - Marathon in Marrakesch! 

Marrakesch, 8:30 Uhr.

Vor wenigen Minuten war es noch stockfinster - innerhalb kürzester Zeit brach der neue Tag an, und es erfolgte der Startschuss zum 30. Marrakesch-Marathon, der unter der Schirmherrschaft des marokkanischen Königs Mohammed VI. ausgetragen wurde.

Ob seine Majestät den Startschuss selbst abgegeben hat, kann ich nicht sagen - zu hören war jedenfalls nichts, als sich die Masse der Läufer - ca. 1.000 auf der Marathondistanz- langsam in Bewegung setzte.

Die Strecke selbst kann ich nicht unbedingt als „so richtig schön“ bezeichnen - dennoch besticht dieser Lauf durch unzählige Eindrücke, die es nun zu verarbeiten gilt. Sightseeing-Höhepunkt der Strecke war auf jeden Fall die Palmeraie - eine Palmoase außerhalb der Stadt. Sand, Palmen, Dromedare - das ist Orient!

Viel spannender waren die unglaublich vielen Eindrücke, die man von der Atmosphäre, von den Menschen an der Strecke, gewinnen konnte:

Frauen in Burkas, die die weiblichen Läuferinnen begeistert mit „Allez, femmes!“ („Frauen, lauft!“) anfeuerten...

Das Stimmengewirr... „Allez, Allez, Allez“ („Lauft, lauft, lauft!“), „Bravo Madame!“, „Salem Aleikum!“...

An den Straßen Hunderte von Mopeds, die munter ihr Hupkonzert darboten...

Das Pfeifen der Polizisten, die das Verkehrschaos vorbildlich im Griff hatten...

Das Klappern der Störche am Wegesrand...

Die Dromadare in der Palmoase (leider war ihr Geruch nicht so erfreulich)...

Ein Nomade mit seinen Schafen...

Die Kinder…

Noch nie habe ich erlebt, dass sich Kinder so sehr für das Laufgeschehen begeistern können.

Jubelnd, die Läufer abklatschend - und immer mit diesem wunderschönen offenen Lächeln, das einem das Herz aufgehen lässt.

Was die Kleinen können, konnten die Großen erst recht - zumindest bei den weiblichen, europäisch aussehenden Läuferinnen. Die meisten männlichen Marathonis wurden ignoriert, aber bei den Frauen, da jubelten die Zuschauer. Abschnittsweise wurde ich von einer Mini-Delegation eines marokkanischen Motorradclubs eskortiert, die mehrere Male ihre Kamera auf mich richtete; im Ziel schoss man Fotos von mir „als Souvenir“. Diese Herzlichkeit war überwältigend und ansteckend, so dass auch ich ein Dauerlächeln auf den Lippen trug.

 

Die für Marrakesch ungewohnt frischen Temperaturen und der Nebel, der sich erst nach Stunden langsam verzog, machten mir das Laufen leicht, so dass ich bis KM 31 ziemlich beschwingt voran kam. Dann begann der Kampf, und die restlichen Kilometer wurden für mich recht hart, trotz der tollen Unterstützung. Aber das gehört beim Marathon eben dazu. Hatte ich mich zuvor ein wenig über die Verpflegung an den Getränkestationen gewundert (es gab ungeschälte Mandarinen), so konnte ich nun feststellen, dass diese Zitrusfrüchte das köstlichste und erfrischendste sein können, was man sich denken kann. Sie waren ein Genuss!

Mit leichtem Mandarinenduft in der Nase erreichte ich das Ziel nach 3:38:09 h (Rang 27 und zweitschnellste Deutsche). Die Altersklassenplatzierung ist der Ergebnisliste nicht entnehmbar.

Rainer war flotter unterwegs und beendete den Lauf in 3:26:45 h (Rang 218).

Dieser Marathon zählt aus sportlicher Sicht und bezüglich der Streckenführung gewiss nicht zu meinen Favoriten, aber die Herzlichkeit, die zumindest den weiblichen Läufern zuteil wurde, ist unschlagbar. Und gewiss werde ich künftig jedes Mal, wenn ich eine Mandarine esse, an diesen Lauf zurück denken.